Im Test: Battle Royale für alle
Das neueste Update für Call of Duty: Modern Warfare ist mehr als eine bloße Erweiterung: Der Battle-Royale-Modus Call of Duty: Warzone ist gratis für jedermann erhältlich. Und er setzt das Erfolgsrezept kurzweiliger und zugänglicher um als alle Konkurrenztitel - warum das so ist, verrät der Test.
Warzone folgt auf Blackout
Der Blackout-Modus von Call of Duty: Black Ops 4 war die Pflicht, Call of Duty: Warzone ist die Kür. Vor zweieinhalb Jahren reagierte der Ego-Shooter-Primus lediglich auf den Battle-Royale-Hype: Blackout funktionierte gut, lief großteils sauber und machte auch Laune - einen Fußabdruck nach Call-of-Duty-Ansprüchen hinterließ der Spielmodus aber nicht. Der puristische Dauerbrenner PlayerUnknown's Battlegrounds, das bunte Jugend-Phänomen Fortnite und nicht zuletzt Respawns Koop-Ansatz in Apex Legends sind nach wie vor das Maß der Dinge im beliebten Shooter-Subgenre. Call-of-Duty-Erfinder Infinity Ward liefert nun zusammen mit Raven Software das Projekt Warzone aus - und könnte die nötigen Trümpfe in der Hand haben, um Battle-Royale-Fans langfristig an sich zu binden.
Die Karte Verdansk ist riesig: Zu Rundenbeginn springt man Battle-Royale-typisch per Fallschirm ab. Das fühlt sich hier sehr gut an.
Wer
Call of Duty: Modern Warfare sein Eigen nennt, erhält die neue Spielart per Update. Viel wichtiger aber: Das Teil gibt es auch als eigenständiges Produkt für alle Nicht-Besitzer. Für lau! Nachdem man absurde 100 GB auf Konsole bzw. Rechner geschaufelt hat, kann der Free-to-Play-Spaß losgehen. Warzone ist unbegrenzt gratis spielbar, allerdings kann man dann nur die ersten 20-Tier-Stufen an Belohnungen freischalten. Wer den zehn Euro teuren Battle Pass von
Modern Warfare erworben hat, freut sich auf bis 100 Tiers voller Upgrades, Verbesserungen, optischer Gimmicks & Co. - schließlich verbessert die in Warzone erspielten XP den allgemeinen Charakterlevel. Neueinsteiger fühlen sich dagegen überfordert: Die Menüstruktur rund um Klassen, Belohnungen, optische Verbesserungen, Waffen-Bausätze und Konsorten ist unübersichtlich und überladen - ein eigenes Ökosystem für sich! Das heißt aber nicht, dass Frischlinge, die kein Geld für Activision übrig haben, mit Call of Duty: Warzone keine Freude haben können…
Warzone unterstützt viele verschiedene Spieltypen: Für Sniper-Freunde gibt es zahllose gute Spots. Allerdings ist dank Panzerung nicht jeder Treffer tödlich.
Denn Warzone ist Call of Duty durch und durch: Zum einen heißt das natürlich, dass es sich hervorragend anfühlt. Rennen, zielen, schießen, Waffen wechseln, Türen öffnen & Co. fühlen sich butterweich an. Die Action läuft mit stabilen 60 Bildern pro Sekunde, die Grafik ist zwar nicht herausragend, für eine so große Karte aber ansprechend. In meinen vielen Runden ab Tag 1 hatte ich auf der Playstation 4 Pro keinerlei Probleme mit Matchmaking, Rucklern, Bugs, Spielabbrüchen oder ähnlichen Dingen. PC-Spieler berichten allerdings von teilweise minutenlangen Wartezeiten bis zum Zustandekommen einer Runde. Grundsätzlich stehen in Warzone zwei Spielarten zur Verfügung: Battle Royale und der Beute-Modus.
Der Battle-Royale-Part übernimmt das Dreier-Team-Konzept von Apex Legends, ist dabei aber nie so teamfokussiert wie der EA-Shooter. Allerdings können auch Warzone-Spieler ihre Kollegen wiederbeleben, gemeinsame Ziele vorgeben und zusammen als Siegerteam aus dem sich stetig verkleinernden Giftgas-Ring hervorgehen. Warum diese Battle-Royale-Variante so sehr nach Call of Duty schmeckt? Weil durch viele kleine Kniffe ein stetiges Belohnungsgefühl erzeugt wird! Warzone wird mir, anders als PlayerUnknown's Battlegrounds so schnell nicht langweilig. Dafür sorgen z.B. das abgespeckte Inventar- und Lootsystem: Hier gibt es keine Rucksäcke mit frickeliger Bedienung. Ist ein Feind tot, verteilt er seine Ausrüstung auf dem Boden. Ich gehe hin, nehme mit ein, zwei Tastendrücken die gewünschten Items auf und ziehe weiter. Am Mann bzw. an der Frau habe ich zwei Waffen, Granaten, ein besonderes Item und Panzerplatten. Mit denen pimpe ich meinen Rüstungswert (was mich im Kampf länger leben lässt) oder lege sie schon mal für Teamkollegen ab. Außerdem ist die Zeit ohne vernünftige Waffe nach dem Absprung kurz: In sehr vielen Zimmern, Kellern oder Scheunen warten Kisten mit zufällig verteilten Knarren, Munition, Items und Ähnlichem. Warzone ist weniger „hardcore“ als PUBG, aber auch weniger frustrierend, umständlich und streng.
Ordentliche Waffen zu finden, ist in Warzone keine Kunst. Hat man einen Gegner erwischt, kann man sich zusätzlich dessen beste Stücke schnappen.
Zusammen mit dem Auto-Heilungs-System sorgt das für ein wesentlich nachgiebigeres Spielgefühl: Erstens ist man nicht sofort tot, zweitens erholt sich meine Figur rasch. Und ist die Energie doch im Keller, gibt es drei Optionen: Bin ich noch nicht ganz tot und krieche hifllos in eine Deckung, kann ich mich mit einem Revive-Kit retten, das ich vorher hoffentlich mit gefundener Kohle gekauft habe. Gelingt das nicht, geht es ins Gulag. Dort findet ein 1-gegen-1-Kampf mit zufälliger Bewaffnung statt - gegen einen anderen, just gestorbenen Spieler. Der Fight wird in einer Mini-Arena ausgetragen, von oben können sogar die nächsten Gulag-Insassen, die gleich an die Reihe kommen, zusehen. Wer als Sieger aus dem Zweikampf, verdient sich einen zweiten Absprung auf die Karte. Natürlich ohne Ausrüstung!
Die Chance auf den Respawn: Die 1-gegen-1-Kämpfe im Gulag sind vom Modern-Warfare-Modus Gunfight inspiriert.
Verliere ich den Gulag-Kampf gibt es eine letzte Möglichkeit: Sind meine Teamkollegen noch am Leben, können sie ebenfalls eine Respawn-Option für mich kaufen. Des weiteren sorgen die sogenannten Contracts für Kurzweil auf der riesigen Karte: Die Map Verdansk strotzt zwar nur so vor interessanten Punkten (Krankenaus, Damm, Stadion, Burg, etc.), mitunter trifft man aber trotzdem minutenlang keinen Gegner. Wer dann einen Auftrag annimmt, muss z.B. einen bestimmten Ort verteidigen, Jagd auf einen Feind machen oder schlicht ein paar Kisten suchen. All das ist nicht weltbewegend, aber doch viel kurzweiliger als es z.B. jüngst dem Battle-Royale-Herausforderer
Darwin Project mit seinen Survival-Aspekten gelang. Zudem gibt es an Verkaufsstationen nicht nur Scorestreaks und Wiederbelebungskits sondern auch vorher definierte Waffensets zu erwerben.
Die zweite Variante ist der Plünder-Modus - hier geht es um (virtuelles) Geld. Man springt ebenfalls aus der Luft über Verdansk ab, ist ebenfalls in Dreierteams unterwegs und kann ebenfalls Vehikel nutzen (LKW, Heli, Buggy, Quad), allerdings startet man voll ausgerüstet. Gerne auch schon mit der eigens konfigurierten Creat-a-Class-Ausrüstung von Call of Duty: Modern Warfare. Und wer stirbt, springt nach 15 Sekunden Wartezeit wieder per Fallschirm in der Nähe seines Teams ab - so ergibt sich während der 30-minütigen Runden ein stetes Ringen mit anderen Dreierbanden. Weil das Spielziel 1-Million-Verdienen lautet und die aus zig Kisten erbeutete Kohle beim Tod großteils weg ist, bieten sich zwei Arten an, die Kröten in Sicherheit zu bringen.
Im Plünder-Modus bringt man Kohle per Ballon in Sicherheit - das erinnert dezent an das Fulton-System aus Metal Gear Solid: Peace Walker.
Mit dem Ballon-Item kann man einen Transport-Ballon herbeizaubern, der eine bestimmte Summe in Sicherheit schweben lässt. Lukrativer, weil die Höhe des Betrags unbegrenzt ist, sind Heli-Landeplätze, wo man unendlich viel Kohle bunkern kann. Allerdings sind diese stets super einsehbar und wer dort einen Hubschrauber ruft oder das Geld dann am herabgelassenen Seil befestigt, der riskiert, sofort erschossen zu werden. Der Plünder-Modus kann sich wegen der vielen Respawns und der langen Rundenzeit etwas ziehen und wirkt letzten Endes noch nicht so durchdacht wie die Variante Battle Royale, ist aber doch schon eine willkommene Abwechslung.
Fazit
Auch Warzone wird keinen Battle-Royale-Jünger aus mir machen. Dafür finde ich die langen Nichts-Passiert-Phasen zwischen den Jetzt-kommt-einer-und-der-tötet-mich-sofort-Szenen noch immer zu träge. Trotzdem ist es die für mich bislang beste Herangehensweise an das Konzept. Die Entscheidung für 150 Spieler auf der gigantischen Karte fühlt sich richtig an, die vielen kleinen Ideen sorgen für Komfort, Kurzweil und eine weniger harte Landung auf dem Boden der Tatsachen. Das Looten ist komfortabel gelöst und das Gulag-System eine klasse Neuerung, dazu kommt die sehr gut funktionerende Technik und das hervorragende Spielgefühl der Serie. Auch die Fahrzeuge lenken sich klasse und der Plünder-Modus setzt mit dem Fokus auf Kohle und der Möglichkeit, wiederholt zu respawnen, eigene Akzente. Leider hat der Entwickler den Team-Gedanken etwas vernachlässigt, man spielt stets nur die eine Rolle des Standard-Soldaten, auch finde ich die Charaktere nicht sonderlich reizvoll und das Battle-Pass-System überfordert Neueinsteiger massiv. Wer aber schon immer einen Battle-Royale-Shooter mit top Ballergefühl ausprobieren wollte, sollte Call of Duty: Warzone eine Chance geben - zumal das Spiel sein Free-to-Play-Konzept nicht mit ständigen Bitte-Geld-Ausgeben-Einblendungen torpediert.
Pro
add_circle_outline sehr große, abwechslungsreiche Karte
add_circle_outline großartiges Spielgefühl
add_circle_outline Fahrzeuge steuern sich gut
add_circle_outline 150 Spieler passen zur Map-Größe
add_circle_outline Contracts sorgen für Kurzweil
add_circle_outline Loot und Inventar übersichtlich
add_circle_outline Gulag-System als zweite Chance
add_circle_outline einsteigerfreundlicher als PUBG
add_circle_outline läuft auf PS4 Pro technisch einwandfrei
add_circle_outline spannender Plünder-Modus
add_circle_outline Crossplay möglich und optional
Kontra
remove_circle_outline Teamaspekt nicht zu Ende gedacht
remove_circle_outline Battle-Royale-Gedanke weniger puristisch
remove_circle_outline grafisch schwächer als die MW-Kampagne
remove_circle_outline unübersichtliches Menü
remove_circle_outline Battle-Pass-Integration für Einsteiger zu komplex
Wertung
Echtgeldtransaktionen
Wie negativ wirken sich zusätzliche Käufe auf das Spielerlebnis, die Mechanik oder die Wertung aus?
Gar Nicht
Leicht
Mittel
Stark
Extrem
- Es gibt Käufe für Fähigkeiten, Karten, Figuren, Waffen, Geld, XP oder Spielmodi.
- Man kann die Spielzeit über Käufe verkürzen, Pay-to-Shortcut.
- Käufe können durch Zufallsfaktoren zum Glücksspiel werden.
- Season Pass, dessen Inhalte Auswirkungen auf Design und Balance haben können, z.B. XP-Boosts, Waffen, etc.