Dreams17.02.2020, Jan Wöbbeking

Im Test: Ein Traum für Kreative?

Endlich wird der Traum wahr: Nach langer Entwicklungsphase und ausgiebigem Early Access können kreative Bastler virtuell den Pinsel schwingen. Kooperativ erschaffene Kunstwerke, Animationen und mannigfaltige Spiel-Genres bieten hier meist ein ganz eigenes, malerisch-traumartiges Flair. Ob der 3D-Editor und Media Molecules kleiner Story-Modus so begeistern wie seinerzeit LittleBigPlanet, überprüfen wir im Test.

Gigantische Möglichkeiten

Das versprochene Update für die VR-Unterstützung soll leider erst später nachgeliefert werden, doch davon abgesehen sind die Möglichkeiten gigantisch! 3D-Plattformer mit knuffigem Küken gefällig? Kein Problem! Wie wär‘s mit einem klassischen Egoshooter oder Kampfroboter-Action inmitten mystischer Tempel? Ebenfalls möglich, wenn auch etwas kniffliger, da die Gegner natürlich erst einmal in einem größeren Areal an sinnvollen Positionen platziert werden müssen. Ob Kugelspiel, Adventure, kleine Taktik- oder Rollenspiele und sogar flache Ebenen mit 2D-Hüpfspielen - in Dreams (ab 17,89€ bei kaufen) wird mehr möglich als in jedem bisherigen Spiel- und Kreativ-Editor! Zudem wird hier ein größerer Fokus auf nicht spielbare Kunstwerke gelegt als in LittleBigPlanet 3, Super Mario Maker 2 oder dem technisch leider recht unsauberen Project Spark.

Eine wichtige Rolle spielen dabei die kleineren Kunstwerke, räumlichen Pinseleien, kleinen Animationen oder sogar Kurzfilme von Usern oder den Entwicklern. Sie alle dürfen bei Zustimmung des Autors frei getauscht, verwendet oder geremixt werden. In einer Abstammungsliste lässt sich schließlich exakt nachverfolgen, welches Objekt oder welches Vorlagen-Set von welchem Community-Mitglied verbaut wurde. Das dürfte allerdings auch eine eventuelle spätere Monetarisierung von Dreams-Werken schwierig machen.

Fokus auf Zusammenarbeit

Im malerischen Dreams-Stil macht die Manipulation mechanischer Gerätschaften gleich doppelt so viel Spaß!
Noch mehr Aufmerksamkeit bekommen Zeichner, Musiker & Co. in den Community-Jams zu zeitlich wechselnden Themen wie z.B. "Essen". Wer hier unter den Gewinnern landet, wird nicht nur an prominenter Stelle im Spiel und auf der Website Indreams.me vorgestellt: Der Autor könnte seine Schätzchen oder Teile davon bald zusätzlich in diversen Werken wiederfinden. Es ergeben sich tatsächlich traumhafte Möglichkeiten für Kooperationen oder die Verknüpfung mehrerer Levels in größeren „Träumen“ – und zwar nahtlos und auf unserer PS4 Pro meist technisch sauber und flüssig!

Wie gut die Verknüpfung funktioniert, wird im kleinen Story-Modus „Arts Dream“ deutlich, der seit dem Start der Vollversion zur Verfügung steht. Der ehemalige Jazzmusiker Art landet passend zum Thema in einem wilden Fiebertraum, der von seinem Leben, der Vergangenheit und der Gegenwart handelt, und in dem er er bei seinen Bandkollegen einiges wiedergutzumachen hat. Dabei wird allerdings klar, dass das Team die Handlungsfäden der unterschiedlichen Konzepte erst relativ spät zusammengeführt hat, da Themen wie verrauchte Jazz-Studios von vor grob 50 Jahren nicht wirklich zu Arts Kindheitserinnerungen als Roboter-Bastler passen wollen. Roboter D-Bug gehört zu den spielbaren Figuren; er kugelt sich zusammengerollt durch die glühende Welt oder startet Bodenstampfer durch poröse Cyber-Waben. Ebenfalls dabei ist Francis, ein Hammer schwingender Teddybär, der auf Knopfdruck zum Zweistick-Schützen Foxy wechselt.

Etwas haklig

Beim Balancieren über schmale Brücken funken schon mal die etwas träge Handhabung oder die sich wegdrehende Kamera dazwischen. In der dritten Dimension fühlt sich Media Molecules leicht verzögerte Hüpfsteuerung noch einen Deut unzuverlässiger an als bei Sackboy, z.B. wenn man an Schrägen abrutscht. Im Gegenzug offenbart die Kampagne aber das überraschende Potenzial von Dreams als Adventure-Baukasten, vor allem dank der Fähigkeiten des anpassbaren „Wichtel“-Cursors, der sich mit der Bewegungssteuerung des DualShock-Controllers präzise steuern lässt. Immer wieder schlüpft man aus der Spielfigur, um mit dem charmant grinsenden Geistwesen an Schubladen zu ziehen, alte Projektoren zu drehen oder die Welt anderweitig zu manipulieren – eine tolle Ergänzung für Puzzles im Stil von The Room!

Schade, dass sich die Rätsel in der Story so schnell durchschauen lassen. Vorm Kino etwa löst man ein kleines Film-Quiz und in einer surrealen Endstation voller schwebender Säulen bringt man der gestrandeten Musikerin eine Ersatz-Saite. Visuell schöpfen Media Molecule und die engagierten Community-Größen aber aus dem Vollen. Schummrig beleuchtete Studios, glühende Wälder und plötzliche Regie-Tricks mit aufwändigen Animationen und sogar Musical-Einlagen sorgen immer wieder für Gänsehaut. Derart malerisch wirkten bislang bestenfalls Adventures wie Silence, die mit Hilfe von Projection-Mapping erstellt wurden. Doch dank der aufwändigen Animationen und Regie-Tricks wirkt das Gesamtkunstwerk hier noch lebendiger - inklusive Dunst und authentischer Beleuchtung.

Kurzes Vergnügen

Im Vergleich zur Early-Access-Fassung sind zahlreiche neue Sets mit nützlichen fertigen Bauteilen hinzugekommen. Manche davon spielt man wieder im Story-Modus frei.
Sackboys Kampagnen waren schon kurz, doch diesmal ist der „Profi-Traum“ sogar nach zwei bis drei Stunden vorbei. Im Gegenzug steuert Media Molecule aber immerhin wieder einige zusätzliche kleine Profi-Levels bei. Wer keine Lust aufs große Basteln hat, kann sich außerdem an „Wichtel-Quests“ genannten Herausforderungen versuchen und mit verdienten Objekten den eigenen Heim-Bereich ausschmücken.

Die wahre Schöpfungsgeschichte beginnt allerdings im großen Editor: In Dreams setzt man hübsche Objekte zu einer Kulisse zusammen, färbt Oberflächen wie Wiesen oder Wasser mit der passenden Palette ein und verpasst dem Ganzen Effekte wie hübschen Glanz, Wellenbewegungen oder eine urige Horror-Lichtstimmung. Sogar Kompositionen im Soundstudio sind möglich. Am meisten Persönlichkeit bekommen die Werke aber durch das Schwingen diverser Pinsel. Während man in LittleBigPlanets Ebenen meist mit Bastelmaterialien modellierte, um sie mit Stickern zu verschönern, kann man seinen Visionen diesmal am besten mit Gemälden Ausdruck verleihen, die später in der Kulisse verbaut werden.

Mächtig aber auch zeitaufwändig

Das kann am Ende äußerst hübsch aussehen, besitzt aber auch seine Tücken. Allein schon die drei Dimensionen sorgen natürlich für mehr Aufwand. Man muss schlicht und einfach mehr zurecht rücken als beim 2D-Sackboy, Mario oder Battleblock Theater - bis schließlich alle Entfernungen passen und nicht mehr krumm und schief aussehen. Mit der Bewegungs-Steuerung per DualShock- oder Move-Controller platziert man Objekte intuitiv in der Kulisse. Für mehr Präzision lässt sich mittlerweile eine Dual-Stick-Steuerung nutzen, die Controller-Bewegungen komplett ignoriert. Eine schöne Ergänzung, welche die Bastelstunde aber noch langwieriger macht. Welche Variante man nutzt, ist primär Geschmackssache, da alle ihre Vorteile und Problemchen besitzen.

Insgesamt brauchten wir übrigens noch nie so lange, um uns in einen Spiele-Baukasten mit all seinen Feinheiten, verschachtelten Untermenüs und Steuerungs-Tricks einzuarbeiten. Anfänger dürften sich zunächst stark überfordert fühlen, zumal einem online mehr „unfertige“ Kreationen begegnen als in Media Molecules älteren Spielen. Selbst ein rudimentäres Jump-n-Run- oder ein Kugel-Parcours erfordert ein paar Stunden konzentrierte Aufmerksamkeit im Editor – plus viele, viele Stunden, in denen man sich vorher durch die ausführlichen, angenehm interaktiven Tutorials arbeiten sollte. Sowohl Project Spark als auch Little Big Planet oder der haklige Trials-Rising-Editor führen deutlich schneller zu Erfolgserlebnissen. Diese Konkurrenz-Baukästen geben Anfängern zu Beginn mehr vorgefertigte Genre-Templates an die Hand, die sich auch einfacher auffinden lassen.

Schalten und Klonen

Robo, hüpf!
In Dreams dagegen verstecken sich manche rudimentäre Dinge wie Preisblasen in Untermenüs, zumal das Programm stärker auf den Einsatz von Logik-Schaltungen und ähnlich komplexen Mechanismen setzt. Andere Feinheiten wie das Klonen gehen allerdings herrlich intuitiv von der Hand. Schön auch, dass man anders als bei Nintendo kein bisschen bevormundet wird. Wo und wie man etwas bastelt, teilt oder lokal speichert, bleibt ganz dem Künstler überlassen – ein Traum für kreative Freigeister! Auch die nach dem Early Access erweiterten Empfehlungen, die fein sortierbare Suche, diverse Empfehlungen, Kurationen und Wettbewerbe sind vorbildlich umgesetzt! Zudem lassen sich Kommentare fein katalogisieren, um gezielt auf Probleme anderer Schöpfungen hinzuweisen.

Fazit

Wer viel Zeit mitbringt, bekommt mit Dreams ein unheimlich mächtiges Werkzeug für vielschichtige Kreationen im Bereich der Spiele, Bilder und Animationen! Vor allem die traumartigen Kulissen aus malerischen Pinselstrichen und die aufwändigen Animationen haben mich immer wieder ins Staunen versetzt! LittleBigPlanet-Schöpfer Media Molecule hat tatsächlich den Spagat zwischen einem unverwechselbaren Stil und viel künstlerischer Freiheit geschafft. Auch die Möglichkeiten zu teilen und zu kooperieren sind vorbildlich. Schade allerdings, dass Anfänger nicht ähnlich gut mit vereinfachten Systemen an die Hand genommen werden wie in LittleBigPlanet, Gameglobe oder Super Mario Maker. Neulinge dürften sich hier schnell überfordert fühlen. Das macht sich mitunter auch in Kreationen bemerkbar, denn vieles wirkt bislang eher wie eine Vision von dem, was möglich ist - zumal auch der rund zweieinhalb Stunden kurze Story-Modus eher wie ein (äußerst hübscher) Ideengeber wirkt. Zudem sollte man im Hinterkopf behalten, dass andere gelungene 3D-Baukästen wie Gameglobe von Square Enix relativ schnell wieder von der Bildfläche verschwunden sind. Für ambitionierte Bastler stellt sich also nach wie vor die Frage, ob sie die Energie nicht lieber ins Erlernen einer zukunftssicheren professionellen Engine wie Unreal oder Unity stecken wollen.

Pro

unheimlich mächtige Möglichkeiten für Spiel-Genres, Bilder, Animationen
einzigartiger, malerisch-surrealer Look sorgt oft für viel Persönlichkeit
wunderhübsch animierter Story-Modus...
Navigation und Spiel meist flüssig nahtlos elegant
tolle Systeme für Online-Kooperation und Speichern der Werke
knuffiger Wichtel-Cursor und Heim-Areal zum Ausschmücken
viele gelungene interaktive Tutorials

Kontra

zeitaufwändiger, komplizierter Einstieg schreckt Anfänger ab
teils verwirrende, sich überlagernde Menüs
...sehr kurzer Story-Modus ist aber eher Ideengeber als spielerisch ausgereift
3D-Hüpfspiele steuern sich oft ein wenig träge und ungenau

Wertung

PlayStation4

Unheimlich mächtiger Baukasten für Spiele, Animationen und traumhaft malerische Kunstwerke - den Einstieg hätten die LittleBigPlanet-Schöpfer aber deutlich einfacher gestalten müssen.

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Kommentare

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mellohippo

... virtuelle chillout-Zone mit unendlich Content...

So was wäre in VR ein echtes Zen-Erlebnis...

Bin mal gespannt, was das die nächsten Wochen/Monate so kommt.
Ich hab's seit dem VR Update und kann absolut zustimmen. Genauso ist es. Ich mach hier seit Wochen nix anderes mehr auf der Playse, es ist wirklich ein Traum. Die Möglichkeiten sind wirklich grenzenlos. Allerdings muss man sich ein bisschen mehr reinknien, wenn man eigene Asstets erstellen will, also ohne auf vorgefertigtes zurück zu greifen. Aber möglich ist alles. Ich liebe es.

vor einem Jahr
Raskir

Das Spiel hätte meiner Meinung nach einen Award verdient. Umsonst ist es nicht zb auf Metacritic auf Platz 1 aller PS4 Spiele bei den Userwertungen und unter den top 10 bei den Magazinen.

Ich finde es ist einfach Bahnbrechend und sieht man sich an, was User damit alles erstellen scheint es keinerlei Limits zu geben was möglich ist and Genres und Ideen sowie Inhalten.
Ich sah hier schon Umsetzungen von bekannten Spielen wir Fallout, Sonic, Super Mario, ja selbst SIM City oder Ark mit seinem Bausystem.

Es scheint keine Mechanik zu geben die Leute nicht umsetzen können.

Aber natürlich auch völlig neue Spiele und Genres die oft locker an eigenständige Indie Titel heranreichen. Ich habe in der relativ kurzen Zeit hier schon viele absolut geniale Spiele und Kreationen gefunden, bei denen man niemals denken würde, das es nicht eigenständige Spiele sind. Auch Ambitionen richtige AAA Titel zu machen, gibt es bereits und durch die Tools und Möglichkeiten der Kooperation wird dies gut unterstützt.

Es gibt einige Leute, welche sich zb auf gewisse Aspekte spezialisieren (zuletzt zb jemand der fertige Systeme zur realistischen Flüssigkeitssimulation erstellt oder Leute die sich aufs Animieren konzentrieren). Auf YouTube gibt es bereits Channels, welche sich nur Dreams widmen und der Erstellung diverser Inhalte, von der Modellierung über die Animation etc.

Ich kenne kein Tool egal welcher Platform, mit dem man so einfach so vieles ohne Grenzen umsetzen kann und dann noch in Verbindung mit einem umfangreichen Community Tool welches das entdecken und teilen super einfach macht.

Such in den Details merkt Mann das sich die Entwickler jede Menge Gedanken gemacht haben. So kann man mit mehreren Teilnehmern an einem Projekt gemeinsam arbeiten. Es gibt eine schöne Update Historie, Feedback Möglichkeiten sowie die Möglichkeit, Inhalte oder das ganze Projekt wiederzuverwenden.

Das erinnert alles leicht an Github und es ist toll das man sowas hier als einfachere Version für jedermann mit integriert hat.

Von Dreams wird man noch in vielen Jahren schwärmen und den Zitaten der diversen Tester kann man hier nur zustimmen, das das Spiel das „YouTube für Spiele/Kreative“ ist oder es „noch lange Auswirkungen auf zukünftige Spiele und Entwickler haben wird“.

Was Media Molecule hier gelungen ist, ist absolut bemerkenswert und gehört meiner Meinung nach auf jede PS4
Zum ersten Absatz, tlou remasteres und gow sagen nein :)
Zum Rest, Zustimmendes nicken

vor 2 Jahren