Hyper Light Driftervor einem Jahr, Benjamin Schmädig
Hyper Light Drifter

Im Test: Wunderschönes Konsolen-Abenteuer

Vor etwa vier Monaten hat Hyper Light Drifter auf dem PC begeistern können. Die Hommage an Spiele wie The Legend of Zelda überzeugte mit ihrem Soundtrack, dem überaus gelungenen Pixelkunst-Design sowie einer sorgsam aufeinander abgestimmten Mischung aus Kampf, Erforschen und erzählerischer Ruhe. Jetzt darf man das Action-Adventure von Alex Preston auch auf Konsolen erleben.

Stumm und vielsagend

Die Geschichte braucht keine Worte: Starke Bilder und ein famoser Soundtrack erzählen von einer Welt, deren Titanen erstarrt sind, deren stumme Kanonen von Ranken überwachsen und steinerne Hochhäuser nur noch Erweiterungen schroffer Felsen sind.

Ein Kämpfer taucht in dieser Welt auf. Sein leuchtendes Schwert scheint ihren Kreaturen überlegen, aber der Drifter ist von einem Unheil befallen, das ihn wie eine Krankheit überall hin begleitet. Immer wieder übergibt er sich – tatsächlich scheint der Befall im Verlauf des Abenteuers stärker zu werden, anstatt zu verschwinden.

Fantasie statt Erklärgespräche

Ist dieser Kämpfer überhaupt der titelgebende Drifter? Die Vermutung liegt auf der Hand, genannt wird er aber nie als solcher. Immerhin kommt das gesamte Spiel ohne einen einzigen Dialog aus. Selbst wenn sich der Drifter mit den Bewohnern einer kleinen Ortschaft unterhält oder mit Helden, denen er unterwegs begegnet, bestehen Sprechblasen

Famose Bildsprache: Preston erzählt viel über die fantasievollen Umgebungen.
immer aus Bildern. Hyper Light Drifter ist weniger kryptisch als Transistor, regt aber die Fantasie an wie kaum ein zweites. Weil Spielemacher und Grafikkünstler Alex Preston ausführliche Stichpunkte vorgibt, anstatt zu erklären, liegt es an den Köpfen seiner Spieler, sie zusammenzufügen. Ich fühle mich an frühere Spiele erinnert, die einen großen Teil ihrer Erzählung ebenfalls meiner Fantasie überließen, anstatt sich durch tausend Erklärgespräche selbst zu entzaubern.

Inspiriert scheint der Entwickler auch von Ico oder Shadow of the Colossus, denn ähnlich wie in den Spielen von Fumito Ueda verschwimmen die erzählerischen Grenzen zwischen Gut und Böse, während das Ziel, das Besiegen starker Wächter, als klares Ziel erscheint. Schon die schwarze, scheinbar klebrige Krankheit, ganz offiziell eine Metapher für Prestons eigene Herzerkrankung, erinnert an Uedas Symbolik. Mehr als Ueda erzählt Preston dabei über ausdrucksstarke Kulissen – ein Titan, der wie angewachsen einen fernen Berg umklammert, könnte alleine ein Buch füllen.

Säulen der Macht

Selbst Missions-Beschreibungen werden nur über Bildsprache vermittelt.
Von Beginn an scheint klar, dass der Drifter in dieser Welt einen alten Mechanismus aktivieren muss, um das Übel, das ihn begleitet, zu besiegen. Vier Säulen stehen im Zentrum des Mechanismus' und vier Wächter, jeder ein mächtiger Gegner am fernen Ende eines großen Areals im Norden, Süden, Osten und Westen, schützen jeweils eine Säule. Also macht sich der Kämpfer auf den Weg, den Mechanismus auszulösen...

Schon auf dem Weg dorthin begegnet er gefährlichen Kreaturen, verschlossenen Toren und tödlichen Fallen – es ist gut, dass das Spiel nach Betreten jedes Abschnitts speichert, um den Drifter im Fall seines Todes am Eingang des Abschnitts wiederzubeleben. Immerhin erwarten ihn mit fordernden Kämpfen und akrobatischen Sprüngen zahlreiche Herausforderungen, die ihn selten beim ersten Scheitern das Leben kosten, aber schnell für einen Abzug seiner Gesundheit sorgen.

Hinter hohen Wänden

Der Kämpfer kann sich zwar heilen, dafür muss er allerdings eine kurze Zeit still stehen. Und viele Gegner sind nicht nur flink, sondern schlagen auch schnell zu. Die unterschiedliche Zusammenstellung der Gruppen ist die größte Gefahr: Ich muss immer umdenken, um das eine Mal zunächst Schützen auszuschalten und ein anderes Mal erst einen Schwarm Vögel zu beseitigen. Toll sind Umgebungen, deren Architektur sich ständig ändert, denn dort sind gute Reaktionen und das schnelle Erfassen der taktischen Situation gefordert.

Timing ist stets der entscheidende Faktor, denn das plumpe Malträtieren der Angriffstaste führt nur zum Tod. Jeder Angriff hat Vor- und Nachteile; während eines Rundumschlags steht der Drifter etwa eine Zeitlang am Fleck, Granaten laden sich nur langsam auf und wertvolle Munition starker Pistolen muss er mit erfolgreichen Schwertstrichen aufladen. Ärgerlich ist, wenn Freund und Feind hinter einer Wand kaum erkennbar sind und der Kämpfer mal wieder

Abenteurer brauchen ein gutes Gespür für das richtige Timing.
an einer unsichtbaren Ecke so lange festhängt, bis ihn ein Wolf zu Tode beißt.

Große Freiheit

Neue Waffen und Techniken erhält bzw. lernt der Drifter in dem kleinen Ort, der die vier Himmelsrichtungen miteinander verbindet – über wenige, aber sinnvoll platzierte Teleportationssteine kann er jederzeit hin und zurück reisen. Die Reihenfolge der Einkäufe und Trainings wähle ich dabei selbst, denn jede Neuerung kostet dieselbe Währung. Und weil diese Währung selten ist, neue Techniken aber eine große Hilfe sind, spielt die Suche nach Schatzkisten eine wichtige Rolle. Schön, dass Preston viele dieser Kisten clever versteckt hat! Einen Hinweis auf eine geheime Ecke erhascht man oft – dorthin zu gelangen ist die Lösung vieler kleiner Rätsel.

Dass ich aufgelesene Schätze nach einem Wiederbeleben erneut abholen muss, obwohl ich nicht mehr genau weiß, ob ich sie im aktuellen oder dem vorherigen Areal gefunden habe, verärgert mich gelegentlich. Dass ich abseits von Gegnern und Wegen zu Truhen nichts interaktiv entdecke, wirkt irgendwann zudem erzählerisch starr. Im Gegenzug gefällt mir dafür die Landkarte, auf der ich zwar sehe, in welchem Gebiet sich der Drifter befindet, aber keine Wege oder gar Schätze verzeichnet sind. Es fehlt zwar die Möglichkeit, verschlossene Wege für das spätere Öffnen zu markieren. Grundsätzlich ist mir das eigene Entdecken aber tausendmal lieber, als von Wegweisern gescheucht zu werden.

Klingt gut!

Überhaupt versteht es Preston hervorragend, seine Spieler zu führen. Während der Drifter etwa von Beginn an fast jede Himmelsrichtung frei erkunden kann, öffnen das Erledigen bestimmter Aufgaben sowie das Aufspüren von
Ob es dem Drifter gelingt, sich von dem Unheil zu befreien, das er in sich trägt?
Schlüsseln weitere Tore. Vor allem aber ist es das Tempo, mit dem Preston mal das ruhige Erkunden über engen Schluchten in den Vordergrund stellt, mal über mehrere Areale bis zu einem schweren Kampf Spannung aufbaut, bevor der Drifter mit Macht sein Schwert in den Boden rammt, um sich auf einem hohen Berg von den Strapazen eines packenden Showdowns zu erholen. Ich könnte ihn dann auf den Boden setzen lassen, um selbst durchzuatmen.

Eine große Rolle spielt dabei der starke Soundtrack von Disasterpeace (FEZ, It Follows ), denn er vermittelt diesen Spielfluss auf perfekte Weise. Die Musik schwillt fast unmerklich an, wenn gefährliche Gegner langsam stärker werden, klingt in ruhigen Momenten zu einem sanften Rauschen ab und verstummt, nachdem der Kämpfer einen Wächter im tosenden Bosskampf endlich niedergerungen hat. Wenn leise Momente Höhepunkte sind, dann hat ein Spiel vieles richtig gemacht!

Fazit

Spielerisch spannend und erzählerisch geheimnisvoll: Hyper Light Drifter ist auch auf Konsolen ein zauberhaftes Abenteuer in kunstvoller Kulisse! Spielemacher und Grafiker Alex Preston erklärt seine Pixelkunst nicht zum Selbstzweck, sondern beschreibt mit seinen Zeichnungen die große Geschichte einer faszinierenden Welt. Er füttert die Fantasie mit dem Stoff eines Epos', ohne sein Werk je in Worten so zu beschreiben. Vor allem aber erzeugt er einen fesselnden Spielfluss aus Kampf und Erforschen, in dessen Zentrum fordernde Action für Spieler mit einem Gespür für Timing und Taktik steht. Er lässt ihnen die Freiheit, die vielleicht etwas zu überschaubare Welt beliebig zu erkunden und Fähigkeiten sowie Ausrüstung des Drifters frei zu entwickeln. Kleine Entdeckungen abseits der Suche nach versteckten Kisten hätten seinem Spiel ein wenig mehr Tiefe verliehen - doch auch so kann man in jeder Minute die einzigartige Magie dieses famosen Abenteuers genießen!

Pro

geheimnisvoller Held und modernes märchenhaftes Szenario
fordernde, taktisch abwechslungsreiche Kämpfe
freies Aufrüsten und Entwickeln
knifflige Sprünge verlangen gutes Auge und Geschick
zahlreiche geschickt verborgene Verstecke
Karte nimmt keine Geheimnisse vorweg
vereinnahmende Erzählung erweckt ohne Worte eine fantasievolle Welt zum Leben
fantasievoller Soundtrack, der sich langsam der Umgebung anpasst
starke Kulissen und bewegte Bilder
häufiges automatisches Speichern verhindert Frust

Kontra

auf Dauer etwas zu gleichförmiges Sammeln und Kämpfen
nach letztem Speichern aufgelesene Extras gehen mit Tod verloren
hinter Mauern oder Bäumen sind Held, Gegner und mögliche Wege kaum erkennbar
kein Setzen eigener Markierungen auf Karte verhindert Übersicht über z.B. verschlossene Türen

Wertung

PlayStation4

Bildgewaltiges wie spielerisch fesselndes Abenteuer, das auf Konsole ebenso reizvoll ist wie am Rechner.

XboxOne

Ebenso bildgewaltiges wie spielerisch fesselndes Abenteuer, das auf Konsole nichts von seinem Reiz und seiner Anziehungskraft verloren hat.

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