Der Herr der Ringe: Die Eroberungvor 11 Jahren, Benjamin Schmädig

Im Test:

Der Herr der Ringe - neben jammernden Hobbits, wandelnden Eichen und der Reinigung von Gandalfs Umhang steht Tolkiens Werk vor allem für eines: den epischen Krieg zwischen Gut und Böse. Und wer käme für die Visualisierung solcher Massenschlachten eher in Frage als jenes Studio, das schon die Kriege der sechs Star Wars-Filme entfesselt hat? Doch die guten Vorzeichen sind irreführend. Schon mit Mercenaries 2 bewies Pandemic eigentlich nur, dass die Kalifornier noch nicht in der aktuellen Konsolengeneration angekommen sind...

Einzeln allein gelassen

Ich beschütze Frodo, als Osgiliath von Orks überrannt wird. Etliche Minuten dauern die Kämpfe in den Ruinen der ehemaligen Hauptstadt an. Orks und Trolle erklimmen die Mauern, stürmen von allen Seiten heran. Aber wir halten dem Ansturm stand und der junge Hobbit erreicht sicher sein Ziel. Missionsziel erledigt, wie mir das Spiel mitteilt. Jetzt müssen wir nur noch -

Selbst Sauron tretet ihr gegenüber - die epische Größe der Filme erreichen die Begegnungen mit den Filmfiguren allerdings nie.
und plötzlich schnappt sich ein Nazgul den Ringträger, ohne dass ich es irgendwie verhindern kann. Mission gescheitert. Jetzt bleibt nur noch der Neustart; in solchen Momenten  werden die Tücken der schlecht gemachten Solo-Kampagne deutlich.

Nein, wer auf packende Einzelspieler-Action hofft oder sich im unkomplizierten Solo-Scharmützel auf die Online-Schlachten einstimmen will, sollte um Der Herr der Ringe: Die Eroberung einen Bogen machen. Die zwei Kampagnen für Einzelspieler (eine auf der Seite des Lichts, die andere als Handlanger des Dunkeln Herrschers) sind nur ein Flickwerk, das von belanglosen Filmschnipseln zusammengehalten wird. Die Missionen bieten stinknormale Gefechte gegen vom Spiel gesteuerte Mitstreiter und Gegner, während der euch manchmal maßlos mächtige, manchmal lächerlich einfache Zwischengegner begegnen. Diese Lieblosigkeit ist umso verwunderlicher, da ihr auf die aus Filmen und Büchern bekannten Figuren trefft. Fans haben es bereits herausgelesen: Pandemics Versoftung basiert auf Peter Jacksons Filmumsetzung. Deren Solo-Gefechte sind aber so belanglos, dass sie den meisten nur als Einstieg in das Tolkien-Spektakel dienen werden.

Keine Eroberung in Die Eroberung

"Gut so", könnte man unken, "denn so landet man schneller in den Mehrspieler-Kämpfen!" Und es stimmt; online wirkt Die Eroberung nämlich ausgereifter. Ich hatte richtig Spaß bei der Eroberung von Minas Tirith, beim Verteidigen des Auenlandes, beim Kampf um Bruchtal oder bei der entscheidenden Schlacht vor dem Tor von Mordor. 13 Schauplätze, von denen einige zudem nur aus zwei aneinander grenzenden Gebieten bestehen, schreien zwar nach frischen Download-Inhalten, aber die Auswahl reicht fürs Erste. Zumal ihr diese Herr der Ringe-Episode wohl ohnehin nur kurze Zeit am Stück spielen werdet.
Jede Klasse darf auch auf Reittieren in den Kampf stürmen.
Denn so kurzweilig Die Eroberung auch ist: Mehr als das schnelle Scharmützel kann sie nicht bieten.

Ein kurzer Abstecher in die Vergangenheit: Entwickler Pandemic folgte mit Star Wars: Battlefront und dem dazu gehörigen Nachfolger nicht einfach der von DICE entfachten Battlefield-Mode, sondern inszenierte eigenständige große Schlachten auf dem Boden und im Weltraum. Zwischen sechs Charakterklassen durfte man sich im zweiten Battlefront entscheiden, und wer auch alleine die Herausforderung suchte, konnte im Eroberungs-Modus seine Flotte rundenweise gegen das Imperium durchs All schieben, um die umkämpften Posten schließlich im actionreichen Gefecht zu erobern. Laserfeuer, Granaten und große Geschütze standen damals im Mittelpunkt.

Aus fern mach nah

Heute, in Herr der Ringe, sind es Nahkämpfe und Gefechte über die mittlere Entfernung. Die relativ seltenen Distanzschüsse bleiben den Bogenschützen vorbehalten - einer von nur vier Charakterklassen. Und um es kurz zu machen: Auf den Eroberungs-Modus verzichten die Entwickler diesmal kurzerhand. Es gibt auch keine Erfahrungspunkte, keine Charakterentwicklung, keine Möglichkeit, seine bevorzugten Figuren in andere Rüstung zu packen oder wenigstens die Farbe der Rüstung ans eigene Gemüt anzupassen. Selbst die Ranglisten auf 360 und PS3 bestehen lediglich aus einer weltweiten Platzierung für alle drei Spielvarianten, detaillierte Statistiken sucht man vergebens. Am PC verzichtet man gleich komplett auf Vergleichswerte. Die Eroberung ist der kleine Bruder seines fünf Jahre alten Vorgängers. Man lädt, man spielt, man schaltet wieder aus. Hängen bleibt nichts.

     

Immerhin: Zwischendurch hat man viel Spaß! Es liegt vor allem daran, dass die überschaubare Anzahl unterschiedlicher Charaktere die Zusammenarbeit im Team erleichtert, während jede Klasse genug Fähigkeiten beherrscht, um jedem Gegner etwas entgegen zu setzen. Zauberer errichten z.B. einen Schutzschild und heilen sich sowie befreundete Krieger. Trotzdem verfügen sie mit vier Angriffsmöglichkeiten über genug Varianten, um jedes Duell zu bestehen. Spione können sich hingegen tarnen und im unsichtbaren Zustand einen Gegner mit nur einem Knopfdruck meucheln, während der Krieger nicht nur blocken kann, sondern dank zahlreicher Attacken im Nahkampf unverschämt mächtig ist. Mit seiner Wurfaxt bringt er

Wer will, darf auch als Troll oder Ent wüten.
außerdem entfernte Widersacher zu Fall. Nur die Bogenschützen sind fast ausschließlich auf die Distanz effektiv - richten mit einem Fernschuss im besten Fall aber massiven Schaden an.

Müsst ihr zusätzliche Geschütze auffahren, dürft ihr außerdem Reittiere (Pferde oder Warge) bemannen, auf deren Rücken ihr euch nicht nur schnell fortbewegt, sondern auch kämpfen könnt. An einigen Positionen stehen zudem Geschütze, die brennendes Metall gen Gegner pfeffern und wer gerne als übergroße Kampfmaschine übers Feld stapft, kann als Ent oder Troll den Gegner überrennen. Das sorgt für abwechslungsreiche Kämpfe, die zwischen maximal 16 Spielern ausgetragen werden, wobei die Teilnehmerliste bei Bedarf mit fordernden, wenn auch nicht besonders cleveren KI-Kameraden gefüllt wird. Bis zu vier Kumpel dürfen vor einer Konsole außerdem die Solokampagne auf dem geteilten Bildschirm spielen oder gegeneinander antreten. Auf den Schwierigkeitsgrad der Kampagne hat die doppelte Schlagkraft dabei keine Auswirkungen.

Schulterwirren

Im Gegensatz zum Quasi-Vorgänger bietet Pandemic übrigens nur den Schulterblick - wahlweise positioniert ihr die Kamera direkt hinter eurem Charakter oder in zwei, drei Metern Entfernung. Egal wie: In engen Passagen fehlt mir eine Ego-Perspektive, wie es sie in Battlefront noch gab. Denn sobald der Feind von der Seite oder von hinten attackiert und die Kamera munter heran- und herauszoomt, leidet der Ablauf unter den üblichen Schwächen eines 3rd-Person-Titels. Im schlimmsten Fall kostet euch das unverschuldet ein Leben und Nerven.

Überhaupt wirkt die Steuerung nicht ausgereift: Falls euch ein Gegner erst mal mit einer Nahkampf-Kombo erfasst, dürft ihr euch "besten" Fall so lange nicht zur Wehr setzen, bis euer Alter Ego das Zeitliche segnet. Andererseits seid ihr auf sehr wenige Kombofolgen angewiesen, so dass ihr stets dieselbe Tastenkombination in die Tastatur oder das Gamepad hackt. Der Späher hat hingegen damit zu kämpfen, dass er seinen Meuchelangriff nur dann ausführt, wenn ihr ihn präzise hinter dem Ziel platziert - was schon von leichten Lags oder einem eigenwilligen Kamerazoom zunichte gemacht werden kann.
Städte wie Minas Tirith oder das zerstörte Osgiliath gehören zu den eindrucksvollsten Schauplätzen.
Und Lags sind auf voll besetzten Konsolenservern leider deutlicher spürbar als am PC.

"Du kannst nicht vorbei!"

In drei Spielarten tragt ihr den Krieg um Mittelerde aus: In "Team-Deathmatch" zählen die Abschüsse, in "Finde den Ring" müsst ihr den Einen Ring auflesen und ins Ziel schleppen und in "Eroberung" - der interessantesten Variante - müsst ihr möglichst viele der angegebenen Positionen einnehmen. Spielerisch unterscheiden sich die unterschiedlichen Modi leider wenig; ein organisiertes Team erreicht stets mit ähnlichen Taktiken sein Ziel. Je nach Konfiguration darf ein Mitglied jedes Teams übrigens einmal pro Runde als Held spielen: Auf Seiten der Guten stehen z.B. Gandalf, Gimli oder Aragorn, während die Bösen mit Saruman oder sogar Sauron in den Kampf ziehen. Große Vorteile stehen den Helden dabei nicht zu, denn bis auf kleine Spezialfähigkeiten unterscheiden sie sich nicht von den gewöhnlichen Charakteren. Ein Frodo kann als Späher z.B. länger unentdeckt bleiben - aber das war's auch schon.

Es passt ins Bild der unspektakulären Multiplayer-Scharmützel, dass die "Originalschauplätze" zwar wohlige Erinnerungen an die Filme wecken, spätestens aber der Anblick der Figuren an selige PS2-Zeiten erinnert. Die Eroberung tut dem Auge nicht weh - sie schmeichelt aber mit Sicherheit nicht der modernen Hardware. Sowohl Charaktere als auch die Umgebung wirken zudem selbst dann noch verhältnismäßig starr, wenn im Hintergrund Dutzende Statisten andeuten, dass ihr euch inmitten einer großen Schlacht befindet. Aber der Anblick wird nie zur Illusion. Da fällt es kaum auf, dass auch die aufgesetzte Filmmusik oft nicht zum Geschehen passen will. Pandemics Mittelerde ist eine hübsche Skizze - es ist aber kein Gemälde, in dessen malerischer Tiefe man sich verlieren kann.   

Fazit

Von Coruscant nach Mordor - vom aufwändigen Krieg zum kurzlebigen Scharmützel. Weil jeder Kampf lediglich zum Anfang des nächsten Gefechts führt, wirkt Der Herr der Ringe: Die Eroberung unausgereift. Wieso darf ich nur kurze Momente des Krieges um Mittelerde nachspielen? Eine Grenze zwischen Gut und Böse, die nach jeder Online-Schlacht weltweit verschoben wird, wäre z.B. Balsam für meine angeschlagene Motivation. Die Entwicklung meines Alter Ego, wie es sie heute selbst in Ego-Shootern gibt, fehlt mir ebenso. Und für die zwei unausgewogenen Solo-Kampagnen schalte ich weder PC noch Konsole an. Schade! Denn die schnellen und unkomplizierten Gefechte bringen nicht nur actionreiche Schlachten ins Wohnzimmer, sie bieten auch übersichtliche taktische Tiefe, mit der sich Tolkien-Krieger packende Gefechte liefern. Im Kern macht Pandemic damit fast alles richtig. Aber gerade im Vergleich zu Star Wars: Battlefront wirkt Die Eroberung nur wie ein solider Schnellschuss.

Pro

kurzweilige Mehrspieler-Action…
überschaubare Klassenauswahl
bekannte Sehenswürdigkeiten der Bücher und Filme
drei Multiplayer-Varianten...
Pfeile geben jederzeit die Richtung zu allen Zielen an

Kontra

keine Personalisierung, keine Charakterentwicklung
Ranglisten nur nach rudimentärem Punktesystem
nur vier Klassen- ... die sich spielerisch stark ähneln
unspektakuläre, lieblos zusammen geschusterte Solo-Kampagnen
unbefriedigende Nahkampf-Steuerung
zweckmäßige Darstellung
Originalmusik passt nicht immer zum Geschehen
nichtssagende Filmschnipsel wirken aufgesetzt
keine Ranglisten am PC

Wertung

360

Unterhaltsame Mehrspieler-Schlachten, denen leider die epische Größe des Tolkien-Epos fehlt.

PC

Star Wars: Battlefront im Tolkien-Universum? Dieser Aufguss erreicht leider nie die Klasse seiner geistigen Vorväter.

PlayStation3

Kurzweilig, spaßig - aber dank banaler Solo-Kampagne und fehlender Charakter-Entwicklung auch viel zu kurzlebig.

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